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Das nächste Meeting findet im „Resonanz-Raum“ statt.

Das nächste Meeting findet im „Resonanz-Raum“ statt.

Führung ist immer auch Beziehungsarbeit: Resonante Räume machen ein erfolgreiches Miteinander erst möglich | Impuls-Reihe #2
Ich lade Sie ein, sich ein Gespräch oder Meeting in Ihrem Berufsalltag in Erinnerung zu rufen, bei dem Sie das Gefühl hatten, alle sind zufrieden aufgestanden und mit einem inneren Lächeln an ihren jeweiligen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Es geht in diesem Bild nicht nur darum, ein Gespräch konfliktfrei abzuwickeln, sondern um diese tiefe Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn wir uns verstanden fühlen. Wenn „wir auf einer Welle schwingen“, um es umgangssprachlich zu formulieren.
Resonanz ist auf einer rein wissenschaftlichen Ebene eventuell weniger greifbar und rational fassbar, dennoch körperlich und emotional spürbar „da“.
Nachdem ich selber in meinem Führungsalltag verschiedentlich solche Erfahrungen erlebte, freute es mich umso mehr, als ich das Konzept der Resonanz des Soziologen Hartmut Rosa (2019) entdeckte. Grundsätzlich versteht Rosa Resonanz als Gegenkonzept zur zunehmend beschleunigten und stummen (Arbeits-)Welt. Gemäss Rosa lässt sich Resonanz mit vier Merkmalen und drei Resonanzachsen charakterisieren.
Die vier Merkmale von Resonanz nach Rosa:
• Berührung
• Selbstwirksamkeit
• Anverwandlung
• Unverfügbarkeit
Mit dem Moment der Berührung ist gemeint, dass sich die in die Begegnung involvierten Personen bzw. Inhalte bzw. die Welt insgesamt gegenseitig berühren.
Das Moment der Selbstwirksamkeit stellt eine auf das Moment der Berührung bezogene eigene und aktive Antwort dar. Durch seine eigenständige Reaktion erlebt sich das Selbst als selbstwirksam, indem es etwa mit dem Gegenüber in Resonanz tritt.
Das Moment der Anverwandlung wiederum bringt zum Ausdruck, dass jeder Resonanz eine Transformation bzw. Veränderung innewohnt, und zwar ungeachtet davon wie umfangreich die Veränderung ist. Hierbei bringt jede Veränderung eine Veränderung der Weltbeziehungen mit sich.
Das Moment der Unverfügbarkeit wiederum bedeutet, dass sich Resonanz weder erzwingen noch herstellen lässt. Resonanz ergibt sich oder eben nicht. Resonanz kann nur dann eintreten, wenn Berührung, Selbstwirksamkeit und Anverwandlung gleichermassen vorhanden sind. Es bedarf sowohl einer Offenheit für Berührung und Veränderung als auch einer adäquaten Verschlossenheit, um sich mit der eigenen Stimme selbstwirksam einbringen zu können (S. 38-46).
Die drei Resonanzachsen nach Rosa:
• Der Mensch in Bezug zu anderen Menschen.
• Der Mensch in Bezug zu Inhalten.
• Der Mensch in Bezug zur Welt.
Im Wesentlichen bezieht sich das Konzept der Resonanz auf eine intensive und auch körperlich wahrnehmbare und wahrhafte Begegnung, die auf allen drei Resonanzachsen zustande kommen kann. Dabei steht bei allen drei Dimensionen jeweils das Dazwischen im Fokus. Grundsätzlich lässt sich Resonanz nicht herstellen, sondern diese kann sich in einem Resonanzraum ergeben oder eben nicht.
Vielleicht fragen Sie sich immer noch, was Resonanz mit Führung zu tun hat. Führung und Resonanz sind meiner Meinung nach kein Widerspruch, sondern ergänzen sich sehr gut, basieren denn beide auf sich berührenden Begegnungen, und zwar zwischen Menschen sowie zwischen Menschen und einer gemeinsamen Aufgabe oder einem gemeinsamen Projekt. Auch berufliche, resonante Beziehungen gehen von einem ganzheitlichen Bezogensein aus, das geprägt ist durch Vertrauen und Zugewandtheit – zwei zentrale Voraussetzungen – um erfolgreich arbeiten zu können. Auch vermag das Konzept der Resonanz den Bezug zu einem Projekt zu beschreiben. Wenn wir mit einem Vorhaben in resonantem Kontakt sind, erleben wir so etwas wie einen Flow und sind enorm engagiert und motiviert, das Vorhaben vorwärts zu bringen.
Resonanz weist auch darauf hin, im Berufsalltag zwischendurch inne zu halten, aus dem Hamsterrad auszutreten und einen Schritt zurückzustehen, Ruhe auf sich wirken zu lassen und Dinge wahrzunehmen, die wir üblicherweise zwecks Entlastung unseres Mindsets grosszügig übersehen.
Denken Sie in diesem Zusammenhang etwa an eine spontane anregende Begegnung auf dem Weg ins Büro, an einen berührenden Austausch im Rahmen eines Mitarbeitendengespräches oder an eine engagierte Arbeitssitzung, in welcher gerade neue Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Haben Sie auch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sich völlig unerwartet eine Lösung abzeichnete, nachdem Sie es aufgegeben haben, zielorientiert nach einer Lösung zu suchen? Manchmal hilft es, wenn wir uns mit anderen Dingen beschäftigen und so auf eine Lösung treffen. (Dazu finden Sie auch eine Buchempfehlung am Ende des Beitrages)
Auftanken und Inspiration finden im eigenen Resonanzraum
Hatten Sie schon einmal den Mut, sich auf der Suche nach einer Lösung für ein Projekt, einen Kunsthausbesuch zu gönnen und sich durch vielfältige Kunst anregen zu lassen?
Resonante Begegnungen mit Kunst, Musik, Schauspiel usw. erweisen sich meiner Meinung nach immer auch als wunderbare Inspirationsquelle. Mir ergeht es immer wieder so, und des Öftern sind es dann ein, zwei konkrete Kunstwerke, die mich mehr in den Bann zogen als andere und mich auf besondere Weise berührten. Beispielsweise steht für mich das Kunstwerk „Naissance d`une galaxie“ von Marx Ernst (1969) noch immer für Resonanz und ich erinnere mich lebhaft an den Moment in der Beyeler-Ausstellung zum Thema „Silence“ als ich es betrachtete. Nach wie vor gelingt es mir, mich allein aufgrund der Erinnerung daran, in eine ruhige Stimmung zu versetzen und dieses Gefühl der Resonanz zu erleben. Solche Momente gilt es auch im Führungsalltag wahrzunehmen, zuzulassen und ihnen Raum zu geben.
Vielleicht ist es in Ihrem Fall kein Kunstwerk, sondern ein Lieblingsort, an den Sie immer wieder gerne zurückkehren, um aufzutanken oder die Schönheit der Natur, das Rauschen des Meeres, Vogelgezwitscher oder stürmischer Wind, der ihr Gesicht kühlt. All diese Erfahrungen können je nachdem, wie berührt, wie angetan und wie mitgerissen Sie sich fühlen, Resonanzerfahrungen ermöglichen, die sie mitunter auch später immer wieder gedanklich abrufen können.
Resonanz in der Führungsrolle zulassen: Mein Fazit
Resonanzerfahrungen können gerade auch im taffen Führungsalltag hilfreich sein. Meiner Meinung nach müssen wir gerade dem schnelllebigen Führungsalltag nicht zwingend mit dominanten Reaktionen begegnen, da diese oftmals Resonanzräume eher verhindern anstatt sie zu ermöglichen. Deshalb gilt in meinen Augen das Gegenteil: Je taffer der Führungsalltag, umso wirksamer sind empathische und auch sogenannt weiche und versöhnliche Reaktionen.
Probieren Sie es aus. Lassen Sie sich auch in Ihrem Führungsalltag durch Empathie, sensible Wahrnehmungen und generell durch zugewandte und wahrhafte Begegnungen leiten.
Ich wünsche Ihnen viel Freude und viele freudvolle Resonanzerfahrungen. Ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldung und Ihre Sichtweise.
Herzliche Grüsse,
Esther Forrer Kasteel
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Inspiration und Empfehlungen
Das Konzept Resonanz bringt Rosa in seinem lesenswerten Buch „Unverfügbarkeit“ (2019) in aller Kürze auf den Punkt. Sehr spannend sind hierbei insbesondere die in aller Kürze dargelegten Ausführungen zu den vier Merkmalen von Resonanz. Für eine vertieftere Lektüre anerbietet sich das umfassende Werk von Rosa „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2019).
Buchtipp zur Thematik, dass die Lösung in vielen Fällen auch aus ganz anderen Richtungen kommen kann. Dies kommt im Roman „Madame Pylinska und das Geheimnis von Chopin“ von Eric Emanuel Schmitt sehr schön zum Ausdruck. Wie sich zeigt, beauftragt die Klavierlehrerin Dominique mit vielzähligen Aufgaben, die Resonanzerfahrungen ermöglichen, und allesamt ausserhalb des Klavierspieles liegen.